Als Kardiologe höre ich in meiner Sprechstunde oft die besorgte Frage: „Herr Doktor, sind meine Gefäße eigentlich schon verkalkt?“ Der medizinische Fachbegriff für diesen Vorgang lautet Arteriosklerose. Oft wird er als unausweichliche Alterserscheinung hingenommen. Doch die Wahrheit ist: Wir sind diesem Prozess nicht hilflos ausgeliefert.
Lassen Sie uns heute einen Blick in unsere Blutgefäße werfen und klären, was bei einer "Verkalkung" wirklich passiert und – noch viel wichtiger – wie wir sie stoppen können.
Was genau passiert bei einer Arteriosklerose?
Der Begriff „Verkalkung“ ist eigentlich etwas irreführend. Es ist nicht so, dass sich von heute auf morgen harter Kalk in unseren Adern ablagert wie in einer alten Kaffeemaschine. Der Prozess ist viel schleichender und beginnt meist schon in jungen Jahren.
Stellen Sie sich Ihre Blutgefäße (Arterien) wie elastische, glatte Schläuche vor. Durch kleine Mikroverletzungen in der innersten Gefäßwand können sich über Jahre hinweg Blutfette (vor allem das „schlechte“ LDL-Cholesterin), Entzündungszellen und Bindegewebe einlagern. Es bilden sich sogenannte Plaques.
Erst im späteren Verlauf lagert sich in diese weichen Plaques auch Kalzium (Kalk) ein. Die Folgen:
Die Gefäße verhärten: Sie verlieren ihre Elastizität und können den Blutdruck nicht mehr so gut abfedern.
Die Gefäße verengen sich: Der Blutfluss wird behindert, Organe und Muskeln bekommen weniger Sauerstoff.
Warum ist Arteriosklerose so tückisch?
Das Gefährliche an der Arteriosklerose ist, dass sie über Jahrzehnte hinweg völlig geräuschlos und schmerzfrei verläuft. Sie spüren nicht, wenn sich ein Plaque bildet. Beschwerden treten erst auf, wenn ein Gefäß so stark verengt ist, dass die Durchblutung massiv gestört ist, oder wenn ein Plaque aufreißt und sich ein Blutgerinnsel bildet, das das Gefäß komplett verschließt.
Je nachdem, wo im Körper das passiert, sind die Folgen drastisch:
Am Herzen: Koronare Herzkrankheit (KHK) und Herzinfarkt
Im Gehirn: Schlaganfall
In den Beinen: periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), oft auch "Schaufensterkrankheit" genannt.
Die klassischen Risikofaktoren: Wer ist gefährdet?
Manche Faktoren können wir nicht beeinflussen, wie unser Alter oder unsere genetische Veranlagung. Die Haupttreiber der Gefäßverkalkung liegen jedoch in unserem Lebensstil. Die größten Feinde unserer Gefäße sind:
Bluthochdruck (Hypertonie): Zu hoher Druck beschädigt die empfindlichen Innenwände der Gefäße dauerhaft.
Hohes Cholesterin: Ein Übermaß an LDL-Cholesterin liefert das "Baumaterial" für die Plaques.
Rauchen: Nikotin und die zahlreichen Giftstoffe im Zigarettenrauch sind pures Gift für die Gefäßzellen und fördern Entzündungen.
Diabetes mellitus: Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte schädigen die Gefäße massiv (besonders wenn sie schlecht eingestellt sind).
Bewegungsmangel und starkes Übergewicht: Begünstigen alle oben genannten Faktoren.
Mein Rat als Kardiologe: So schützen Sie Ihre Gefäße
Die gute Nachricht ist: Sie können den Prozess der Arteriosklerose verlangsamen und in manchen Fällen sogar teilweise umkehren! Ein gesunder Lebensstil wirkt oft wie die beste Medizin.
Setzen Sie auf diese drei Säulen der Gefäßgesundheit:
Kennen Sie Ihre Werte: Gehen Sie zur Vorsorge. Sie können Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte oder einen beginnenden Diabetes nicht spüren – man muss sie messen! Lassen Sie diese Werte regelmäßig bei Ihrem Hausarzt checken und bei Bedarf medikamentös gut einstellen.
Bewegung ist Gefäßpflege: Werden Sie aktiv. Ausdauersport wie flottes Spazierengehen, Radfahren, Schwimmen oder Joggen trainiert die Elastizität der Gefäße und verbessert die Durchblutung. Etwa 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche sind ein hervorragendes Ziel.
Die richtige Ernährung: Setzen Sie auf die sogenannte mediterrane Küche. Viel frisches Gemüse, Vollkornprodukte, gesunde Fette (wie Olivenöl oder Nüsse) und weniger rotes Fleisch oder stark verarbeitete Lebensmittel. Und vor allem: Hören Sie auf zu rauchen! Es ist der größte Gefallen, den Sie Ihren Arterien tun können.
Gefäßgesundheit ist ein Marathon, kein Sprint. Fangen Sie heute mit kleinen Veränderungen an – Ihr Herz und Ihre Gefäße werden es Ihnen in den nächsten Jahrzehnten danken.
